Über

Wadi: 25 Jahre Parteinahme für die Menschen

Can't beat them

WADI gründete sich 1992 als Dachverband von Initiativen und Einzelpersonen, die nach dem zweiten Golfkrieg 1991 in den Irak gereist waren, um die notleidende Zivilbevölkerung in dem kriegszerstörten Land zu unterstützen.

Entwicklungszusammenarbeit ist niemals neutral. Diese Erkenntnis stand am Anfang unserer Arbeit  – nicht als Theorem, sondern als praktische Erfahrung. Doch je mehr es der irakischen Ba‘th-Regierung unter Saddam Hussein gelang, mit Gewalt die Kontrolle wiederherzustellen, desto deutlicher wurde, dass die vermeintlich neutrale Nothilfe hätte erkauft werden müssen durch die Kollaboration mit einem Regime, das sein eigenes Überleben zum Preis der Vernichtung ganzer Bevölkerungsteile zu sichern suchte.

Bereits nach kurzer Zeit wurde deutlich: Hilfsprogramme im Irak fanden entweder mit und über die Strukturen der herrschenden Ba‘th-Partei statt, die gerade erst den Aufstand der Bevölkerung im Südirak mit brutaler Gewalt niedergeschlagen hatte, und wurden im besten Falle zum humanitären Feigenblatt, im schlimmsten Falle zu Stützen der Unterdrückung. Oder aber die Hilfe musste sich Wege suchen, wie sie an der Seite jener Menschen stehen konnte, die für eine freie und demokratische Entwicklung als Voraussetzung für die soziale und ökonomische Entwicklung aller eintraten.

Seitdem arbeitet WADI in den selbstverwalteten kurdischen Gebieten – parteiisch auf der Seite der Menschen und zugleich überparteilich, weil wir uns nie einer der lokal herrschenden Parteien oder Fraktionen angeschlossen haben.

WADI war und ist dabei immer parteiisch: Wir unterstützten damals wie heute jene, die sich gegen das Diktat einer Regierung, Partei oder Bewegung für eine bessere Zukunft einsetzen und selbst aktiv werden.

Das war in jeder Hinsicht schwierig: Der kurdische Nordirak war eine zerstörte Region, von Kriegen und den militärischen Kampagnen gegen die Zivilbevölkerung gezeichnet. Mehr als 4.000 Dörfer waren zerstört, Städte und Siedlungen waren mit Giftgas bombardiert und ihre Bewohner in Sammelstädte deportiert worden, etwa 130.000 Menschen sind während der Kriege der Zentralregierung gegen den kurdischen Norden getötet worden, fast zwei Millionen Menschen befanden sich nach 1991 auf der Flucht. Der kurdische Nordirak war in jeder Hinsicht eine Katstrophenregion: zerstört, verarmt, sozial zerrüttet, traumatisiert und international weder anerkannt noch ausreichend geschützt. Damit war auch der Zugang zur staatlichen Entwicklungshilfe versperrt, denn da die Region keine anerkannte Regierung besaß, fand auch keine bilaterale Entwicklungszusammenarbeit statt.

„Da leistet ein kleiner Verein Großes.  (…) Bei Wadi e.V. machen sie vieles anders, als andere Organisationen. Wo es um die Rechte von Frauen und Jugendlichen geht, wo man gegen Unterdrückung arbeitet, so Osten-Sacken, „da muss man Stellung beziehen“. Tradition, Ideologie oder Religion rechtfertigen niemals Gewalt und Unrecht. „Wir sind nicht neutral und die Sprache der Freiheit ist universal“. Glasklar ist die Überzeugung der Helfer von Wadi, dass Neutralität fatal ist. (…)

Bewusst wird das Budget niedrig gehalten, (..) ihre Büros in Suleymania und Frankfurt am Main sind bescheiden, der Aufwand für Verwaltung so gering wie möglich. Riesige Organisationen, sagen sie bei Wadi, wachsen sich zu Bürokratien aus, die mehr und mehr um sich selber kreisen. Bei Wadi glaubt man auch daran, dass Leute in Projekten durch ihre eigene Aktivität, ihre eigenen Freiräume und Fehler lernen, weniger durch sozialpädagogisch geleitete Workshops, Seminare oder Schulungen.“ Der Tagesspiegel

selbst

Diese Selbstdarstellung zum Herunterladen

Projekte:

Alphabetisierung, Frauenrechte, Selbsthilfe

Während es an einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklungsperspektive offensichtlich mangelte und die Region ein ums andere mal von Militärinvasionen und innerkurdischen Kämpfen zerrüttet wurde, setzte WADI auf die Fähigkeiten Einzelner, die in lokalen Initiativen an der Entwicklung einer Perspektive für ein besseres Leben stritten. Dies waren von Anfang an Frauen, die um konkrete Rechte, wie den Zugang zu Bildung und den Schutz vor männlicher und familiärer Gewalt, stritten. Diese Unterstützung reichte von den ersten Frauenzentren, die ab 1993 eröffnet wurden, über Schutzhäuser für Opfer männlicher und familiärer Gewalt bis zu einer großangelegten Alphabetisierungs– und Schulkampagne für Frauen und Mädchen, in deren Rahmen über 20.000 Frauen und Mädchen alphabetisiert wurden und einen Schulabschluss machen konnten.

Dies waren aber auch arabische Flüchtlinge, aus dem damals noch von Saddam Hussein kontrollierten Irak, Deserteure aus der irakischen Armee, Strafgefangene und jugendliche Gefangene, die mit Bildungs- und Ausbildungsprogrammen bei der Suche nach einer eigenen Zukunftsperspektive unterstützt wurden.

Jenseits der staatlichen Nothilfeprogramme haben diese Projekte Menschen dort gefördert, wo sie die Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse selbst in die Hand nehmen, aber ohne Hilfe von Außen nicht weiter kommen.

Eine Hilfe, die sich gerade nicht als Almosen oder milde Gabe versteht, sondern als Hilfestellung mit dem Ziel der künftigen Unabhängigkeit von unserer Unterstützung. Projekte, die immer über die notwendige Hilfe in konkreten Notsituation hinausweisen und die Perspektive auf ein besseres Leben eröffnen: Ein Leben ohne Angst vor der Gewalt männlicher Angehöriger und der Verfolgung durch den Staat, ein Leben in Selbstständigkeit und Würde gegründet auf der Initiative der betroffenen Menschen selbst.

Dieses Konzept war erfolgreich. Seit 1992 hat WADI im Nordirak Programme gefördert für

  • Frauen, die unter häuslicher Gewalt und der Missachtung ihrer Rechte leiden;
  • Analphabet*innen und Menschen, denen das Recht auf Bildung verwehrt wurde;
  • Strafgefangene;
  • Opfer staatlicher Gewalt;
  • Flüchtlinge;
  • Kinder.

Unterstützt wurden

Lokale Gemeinschaften stärken

WADI hat dabei immer auf die Stärkung lokaler Initiativen gesetzt. Menschen darin zu fördern, sich für ihre konkreten Belange selbst und mit anderen einzusetzen, ist Teil des entwicklungspolitischen Auftrags. Seit Ende der 90er Jahre fördern wir lokale Initiativen. Bspw. in Halabja: Dort sind aus dem Frauenzentrum und mit Hilfe gezielter Förderung und Trainings selbständige Organisationen entstanden, wie das lokale Radio Dengue Nwe, dessen Flüchtlingsprogramm 2016 mit dem Raif Badawi Medienpreis ausgezeichnet wurde, und die »Nwe-Organisation«, die sich in Bildungsprojekten und der Integration der Flüchtlinge in der Region engagiert.

In Suleimaniyah fördert WADI seit vielen Jahren die Frauenrechtsorganisation WoLA (Womens Legal Aid), die mit Rechtsberatung für Frauen begann und mittlerweile als anerkannter Teil der Zivilgesellschaft umfangreiche Programme zur Förderung von Frauenrechten durchführt.

Gesellschaftliche Entwicklungen anstoßen

Gemeinsam mit lokalen Frauenorganisationen hat WADI eine Kampagne für eine rechtliche Besserstellung von Frauen und das Verbot häuslicher Gewalt organisiert, die in die Verabschiedung eines Gesetzespakets mündete, mit dem Straffreiheit häuslicher Gewalt beendet wurde. Seitdem ist auch die weibliche Genitalverstümmelung im kurdischen Nordirak explizit als Verletzung der körperlichen Integrität von Frauen und Mädchen strafbar.

Dass Genitalverstümmelung (Femal Genital Mutilation, kurz: FGM) überhaupt im Irak existiert, wurde lange Jahre ignoriert. Erst das gesundheitliche Aufklärungsprogramm von WADI, bei dem mobile Teams Dörfer aufsuchen und Frauen vor Ort beraten, hat ans Licht gebracht, dass FGM in weiten Teilen der Region praktiziert wird. In einer großangelegten Kampagne hat WADI seit 2005 in der gesamten Region Daten erhoben und gezielt gegen diese schädliche und gefährliche Praxis gearbeitet. In etlichen Regionen haben sich Dörfer einem Programm angeschlossen, innerhalb dessen sie sich verpflichten, auf FGM zu verzichten. Jüngste Erhebungen zeigen, dass die Rate der verstümmelten Mädchen erheblich zurückgegangen ist. In einer UNICEF-Studie vom Januar 2017 erklärten 44,8% der befragten Mütter, selbst von FGM betroffen zu sein, aber nur 10,7% sagten, dies gelte auch für ihre Töchter. Insgesamt über 40.000 Frauen und Mädchen durch direkte Gespräche und Aufklärung der STOP FGM Kampagne erreicht.

Flexibilität statt Bürokratie

Bei all dem hat WADI versucht, keine bürokratischen Strukturen aufzubauen, die uns als »Hilfsprofis« vor den Entwicklungen vor Ort abschirmen. So können wir auf Entwicklungen reagieren, die unseren Einsatz fordern – wie 2014, als der sog. Islamische Staat eine ganze Region im kurdischen Nordirak überrannte, Zehntausende zur Flucht zwang und tausende ezidische Frauen und Mädchen verschleppte. Bis heute stellt die sexuelle Gewalt als Teil der Kriegführung ein enormes Problem dar. Weiterhin befinden sich viele Ezidinnen in der Hand der Islamisten. WADI arbeitet in Dohuk und den in der Region liegenden Flüchtlingslagern mit mobilen Teams. In Dohuk wurde ein Zentrum für ezidische Frauen und Mädchen eröffnet.

Möglich ist dies alles nicht nur dank der konkreten Förderung von Stiftungen, Organisationen der Vereinten Nationen und Regierungsinstitutionen, sondern vor allem auch dank privater Zuwendungen, die dafür sorgen, dass wir weiterhin unabhängig bleiben.

Wadi arbeitet nicht nur im Nordirak. In der Vergangenheit führte WADI Community-Projekte in Jordanien durch, unterstützte eine Studie zur Verbreitung von FGM im Iran und förderte Programme lokaler Demokratieförderung (local democracy) im nördlichen Syrien. In Deutschland arbeitet WADI u.a. für die Integration von Flüchtlingen aus den Vorderen Orient.